Sprengel Hanau - Typisch lutherisch, typisch reformiert – oder einfach evangelisch?

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Wer meine Gebote hält und nach meinen Gesetzen lebt, der soll nicht sterben um der Schuld seines Vaters willen.
Ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi.

 

 

Typisch lutherisch, typisch reformiert – oder einfach evangelisch?
Text und Bilder: Jens Heller
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Hanau. Der Bischof der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck, Prof. Dr. Martin Hein, hielt am Dienstag (22. Mai) im Rahmen der Feierlichkeiten rund um das 200jähringe Jubiläum der Hanauer Union einen aufschlussreichen und lebendigen Vortrag über die Bedeutung der Hanauer Union für die Entwicklung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der in angeregten Gesprächen nachwirkte.

Bekenntnis und Identität
„Heute“, so erläuterte Hein einführend, „muss man die Differenzen zuallererst ins Bewusstsein rufen.“ Im Alltag spielen sie in der Regel keine Rolle mehr. Doch die Auseinandersetzung mit konfessionellen Unterschieden sei schon deshalb unverzichtbar, weil das Christentum stets auf Vielfalt angelegt war und die Heilige Schrift selbst ein breites Spektrum von Glaubensaussagen bereithalte. Ziel sei immer, Jesus Christus zu verkündigen und das, was diese Verkündigung bedeutet, in die jeweilige Zeit hinein zu sagen.

In einem Bekenntnis komme das, was eine Gemeinschaft als ihren gemeinsamen Glauben erkannt hat, verbindlich zum Ausdruck, aber Bekenntnisse seien doch stets der Heiligen Schrift nachgeordnet und müssen sich immer von ihr überprüfen lassen. Man müsse also davon ausgehen, dass der Prozess der Entwicklung von Kirche prinzipiell nach vorne hin offen und nie abgeschlossen ist. Die Differenzen innerhalb des evangelischen Lagers haben sich nicht erst nach und nach entwickelt, sondern sie bestanden bereits am Anfang der Reformation und es ging dabei um den Kern des Evangeliums, um die Auslegung der Heiligen Schrift.

Orthopraxie oder Orthodoxie zuerst?
Die Frage, wie man Lehrspannungen ausgleichen könne, war von zentraler Bedeutung. Landgraf Philipp von Hessen suchte ein gesamtevangelisches, auch politisches, Bündnis auch ohne ein gemeinsames Bekenntnis, während Wittenberg die evangelische Einheit nicht um jeden Preis wollte, sondern nur als Ausdruck des gemeinsamen Glaubens. Die Frage, ob es durch gemeinsames Handeln zum gemeinsamen Bekennen des Glaubens komme, oder ob umgekehrt nur ein gemeinsames Bekennen erst ein gemeinsames Handeln ermögliche, bestimme die ökumenische Diskussion bis heute mit. Obwohl das Marbuger Religionsgespräch scheiterte, unterschrieb Philipp das Augsburgische Bekenntnis von 1530, das fortan zum Grundbekenntnis der hessischen Kirche wurde. Aber es bildeten sich innerhalb Hessens konfessionelle Unterschiede aus: ein reformiertes Hessen-Kassel und ein lutherisches Hessen-Darmstadt, das bis ins oberhessische Marburg reichte.

Pietismus und Aufklärung hätten dann im beginnenden 19. Jahrhundert einen Beitrag zur Nivellierung der Bekenntnisbindung geleistet. An dieser Stelle kamen die Unionsbemühungen auf, so eben auch in Hanau 1818. Die Lehrunterschiede traten eher in den Hintergrund und die Abendmahlspraxis wurde gegenüber der Abendmahlsdogmatik stärker betont. Doch die Unionsbestrebungen hatten nicht die Vereinigung von lutherischer und reformierter Konfession zur Folge, sondern es entstand gewissermaßen eine dritte -unierte- Konfession. Im Kurfürstentum Hessen gab es fortan ein reformiertes Konsistorium in Kassel, ein lutherisches in Marburg und ein uniertes in Hanau. In Kurhessen habe es also keine Konsensunion gegeben, sondern eine regionale Verwaltungsunion. Als Preußen 1866 Kurhessen annektierte, blieb es bei diesem Zustand, aber die drei Konsistorien sollten zusammengelegt werden. Das führte zum „hessischen Kirchenkampf“: 43 Pfarrer mussten zwangsweise ihre Pfarrhäuser räumen und mit ihnen gingen 3000 Gemeindeglieder.
So gab es also eine gemeinsame Kirchenverwaltung für drei bekenntnismäßig geschiedene Kirchengemeinschaften, aber es war keine gemeinsame Kirche vorhanden. Es gab drei Agenden und die Pfarrer wurden auf die jeweilige Konfession ordiniert. Die kurhessische Kirchenverfassung von 1923/24 führte als Änderung ein, dass nun allein die Gemeinden die Trägerinnen des Bekenntnisses und der entsprechenden Konfessionsbezeichnung seien. Die Kirche war evangelisch, aber die Gemeinden konnten evangelisch-lutherisch, evangelisch-reformiert oder evangelisch-uniert sein. So sei man zusammengewachsen und in der Grundordnung von 1967 wurde das festgehalten. Ein innerevangelisches Modell von Ökumene sei nicht geplant gewesen, aber es sei dazu gekommen! Nun sei zusammengewachsen, was zusammengehöre.

Evangelisch ist zukunftsträchtig
Die Konfessionsbezeichnung „evangelisch“ sei kein defizitärer Begriff, sondern sachgemäß und zudem auf Entwicklung hin offen. Die im Augsburgischen Bekenntnis getroffene Beschreibung dessen, was Kirche sei, nämlich Evangeliumsverkündigung, Sakramentsverwaltung und die versammelte Gemeinde, sei nicht das kritische Minimum, sondern das evangelische Maximum.

Gerade die Geschichte der Konfessionalität der Landeskirche Kurhessen-Waldeck sei vom Ausgang her eine Erfolgsgeschichte, die Versöhnung möglich mache und Grenzen überwinden könne. Darin liege auch, so führte Hein abschließend aus, eine Chance für das interreligiöse Gespräch. Die Herausforderung dieses Jahrhunderts werde die versöhnte Verschiedenheit der Religionen sein.

Schon während und nach den Rückfragen entstanden im gut gefüllten Saal zahlreiche angeregte Gespräche, in denen das Gesagte nachwirkte.